19. September 2012

Meyer-Neubau „Celebrity Reflection“. Ein bisschen DDR-Nostalgie...

Die Idylle trügt: ausgedockte „Celebrity Reflection“ am Meyer-Pier im Papenburger Hafen

…kam doch bei der Überführung des neuen Schiffes der Meyer Werft „Celebrity Reflection“ auf. Aber nur ein ganz kleines satirisches Bisschen, wie einige der nachfolgenden Bilder zeigen. Am 12. August wurde der neue Musikdampfer in der binnenländischen Papenburger Meyer Werft aus der riesigen Werfthalle ausgedockt und am 16. und 17. September über die eigentlich viel zu enge Ems an die Nordsee nach Eemshaven/NL überführt, wieder mit einer Sondergenehmigung des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), wobei der Naturschutz beim NLWKN wohl nicht nur im Namen an letzter Stelle rangiert (Gehobene Erlaubnis zur Überführung von zwei Kreuzfahrtschiffen in Verbindung mit zwei Probestaus September 2012 und September 2014, Antragsteller: Landkreis Emsland).

Nein, kein DDR-Plattenbau: Rettungsboote statt Geranien, Sehleute bestaunen die „Celebrity Reflection“

Eigentlich, aber nur eigentlich, ist das unerlässliche Aufstauen der Ems mit dem sog. „Ems-Sperrwerk“, das in Wirklichkeit ein Stauwerk für die Meyer Werft ist, für diese Giga-Schiffe in den Sommermonaten nicht zulässig. Mit erheblichen Sauerstoffdefiziten ist dann im Fluss zu rechnen.  Zusätzlich kann es geschehen, dass auch die Ems-Vorländereien, Brutgebiete von streng geschützten Vögeln und daher EU-Vogelschutzgebiet, absaufen, und mit ihnen die noch nicht flugfähigen Jungvögel. Das geschah bei dieser Überführung nicht.

Das Ritual der Ausnahmegenehmigungen wird langsam zur Regel, weitere Stauphasen in den Sommermonaten der nächsten Jahre sind schon vorgesehen. Nur die Meyer Werft diktiert die Regeln, die verantwortlichen Politiker und Verwaltungen reagieren wie Marionetten am Band der Werftinteressen.

Nein, keine Werft-Betriebskampfgruppe: Vom Betriebsrat abgestellte Jubel-Azubis bei der Überführung der „Celebrity Reflection“

Ostfriesen Zeitung, online, 18. September 2012

Friedlicher Protest gegen „Retter der Ems“

[…] 40 Azubis der Meyer-Werft demonstrierten auf der Jann-Berghaus-Brücke in Leer. Der Betriebsrat der Werft hatte die Aktion während der Emspassage der „Celebrity Reflection“ organisiert.

Leer – Etwa 40 der insgesamt 80 neuen Auszubildenden der Papenburger Meyer-Werft haben am Sonntagabend auf der Jann-Berghaus-Brücke in Leer demonstriert, während die „Celebrity Reflection“ auf ihrem Weg von Papenburg zur Nordsee das Nadelöhr passierte. „Die Meyer-Werft sorgt für unsere Zukunft“, stand auf einem Transparent. Das für Außenstehende harmlos anmutende Bekenntnis zum Arbeitgeber war als Botschaft an die Vertreter der Bürgerinitiative (BI) „Rettet die Ems“ gedacht. […] Die Mitglieder der Bürgerinitiative sehen das anders. „Wir kämpfen nicht gegen die Meyer-Werft, sondern gegen den Standort“, machte Beate Stammwitz deutlich. […]

Die Lösung des Meyer-Übels wäre tatsächlich die Verlagerung des Papenburger Werftstandortes an das seeschifftiefe Wasser. Immerhin, die zu Meyer gehörende Neptun-Werft in Rostock baut Flusskreuzfahrtschiffe am Meer, und riesige vorfabrizierte Schiffssegmente für den Werftstandort in Papenburg an der Ems. Die werden dann über die Ostsee, durch den Nord-Ostsee-Kanal und über die Nordsee in die Ems nach Papenburg geschleppt und dort zu den riesigen Schiffen zusammengesetzt, welch ein Irrsinn! „Meyer an die Küste“ gilt also nach wie vor, um die Ems wieder zu einem lebendigen Fluss zu machen.

Ach ja, und dann waren da auch noch die Umweltorganisationen BUND, NABU und WWF. Die haben zwar in der Vergangenheit schon mal mit dem Land Niedersachsen und dem Chef der Meyer Werft im stillen Kämmerlein gekungelt und einen „Generationenvertrag“ auf 30 Jahre vereinbart. Angekündigt wurde das Vertragswerk in der Presse u.a. so:

Öffentliche Mitteilung zur Vereinbarung der Verbände (WWF, BUND, NABU) mit der MEYER WERFT vom 11.06.2009 zur Verbesserung der ökologischen und der ökonomischen Bedingungen an der Unterems

Die Beteiligten haben das Ziel, eine für den Werftstandort Papenburg und die Belange des Natur und Umweltschutzes langfristig tragfähige Gesamtregelung für Schiffsüberführungen der Werft zu erreichen. Sie stehen dazu in umfangreichen Gesprächen unter Beteiligung der zuständigen Behörden des Landes und des Bundes. Für den Bereich des Vogelschutzes haben die Beteiligten am 11.06.2009 eine Einigung hinsichtlich der Stauhöhe und –zeit erreicht. Weitere Themenbereiche – wie Fragen der Gewässergüte – bleiben darin zunächst ausgeklammert.

[…] Die Einigung beinhaltet im Kern folgende inhaltliche und hier ohne rechtliche Verbindlichkeit zusammengefasste Regelungen:

Die Parteien vereinbaren, den Sommerstau in der Zeit vom 1. April bis 15. Juli mit einer Stauhöhe von bis zu NN + 1,90 m am Pegel Gandersum dauerhaft einzuhalten.[…]“

Ätsch, war wohl nichts, es wird weiter über den 15. Juli hinaus aufgestaut, solche Vereinbarungen sind also noch nicht mal das Papier wert, auf dem sie gedruckt werden. Was tatsächlich im vollen Wortlaut in diesem „Generationenvertrag“ steht, weiß kaum jemand außerhalb der Büros von BUND, NABU und WWF, auch nichts über die etwaigen „Gegenleistungen“ für die Verbände. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt!

16. Sept. 2012: Baggerschiff vor der Überführung der „Celebrity Reflection“ am Emsstauwerk: Was nicht passt, wird passend gemacht, der Steuerzahler zahlt

Aber auch hier wieder ein bisschen Realsatire:

Die genannten Verbände ließen am 14. Sept. 2012 als Pressemitteilung verlauten, dass sie nun „klagen“ wollen. Gut so, aber es bleibt zu hoffen, dass diesmal die Klage nicht wieder gegen Bares für irgendwelche Öko-Fonds oder Stiftungen zurückgezogen wird. Es wäre nicht das erste Mal.

14. Sept. 2012 Kreuzfahrtriese setzt Umweltschutz außer Kraft – Überführung der Celebrity Reflection : Naturschutzverbände klagen gegen Ausnahmegenehmigung zur Streichung der Umweltauflagen

Gemeinsame Pressemitteilung von BUND, NABU, WWF

Kreuzfahrtschiffe, die sich durch die Ems zur Nordseemündung zwängen müssen, sind eine Strapaze für den Fluss. Dennoch finden sie regelmäßig statt. Die bevorstehende Überführung der Celebrity Reflection ist aus Sicht der Umweltverbände BUND, NABU und WWF besonders heikel, weil bestehende Umweltauflagen zur Schiffsüberführung extra außer Kraft gesetzt wurden. „Es ist skandalös wie mittels Ausnahmegenehmigung versucht wird, die Umweltschutzauflagen scheibchenweise wieder zu streichen “, kritisiert Naturschutzexpertin Beatrice Claus vom WWF das Vorgehen der Werft und Landesbehörden. „Dabei verträgt die Ems keine zusätzlichen Belastungen mehr solange es nicht ernsthaft gelingt, das Ökosystem des Flusses zu sanieren.“

Aufgrund der andauernden Ausbaggerungen und Rückstauungen, ist die Ems bereits heute in einem extrem schlechten ökologischen Zustand. Die Überführung der Celebrity Reflection droht das Ökosystem Ems stärker zu schädigen als vergangene Schiffstransporte. Aufgrund des Tiefgangs des großen Schiffes muss Wasser über einen längeren Zeitraum gestaut werden. Weil die Ems zu dieser Jahreszeit wenig Wasser führt, pumpt das Emssperrwerk anteilig mehr Salzwasser in den aufgestauten Flussabschnitt. Daher besteht Gefahr, dass geschützte Süßwasserzonen der Ems versalzen. Für die aktuelle und eine zweite Schiffsüberführung der Meyer Werft in der zweiten Septemberhälfte 2014 werden die derzeit gültigen Umweltauflagen für die Gewässergüte während der Stauzeiten umgangen. Die vom Niedersächsischen Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz hierfür erteilte Sondergenehmigung sieht die Aussetzung der kritischen Grenzwerte für Salz und Sauerstoff vor. „Damit wird eine drohende Versalzung schon vorab legitimiert. Es ist absurd, dass die Umweltauflagen das ganze Jahr gelten, nur nicht dann wenn das Werftschiff überführt wird“, verdeutlicht Elke Meier, NABU-Fachreferentin. Eine Verschiebung des Liefertermins hatte die Werft abgelehnt.

Mit eigenen Messungen des Salzgehaltes während des Stauvorgangs werden die Umweltverbände die Wasserwerte überwachen. Sollte salzhaltiges Wasser in die Süßwasserbiotope der Unterems oberhalb Papenburgs eindringen, so stellt dies einen schwerwiegenden Eingriff für die geschützten Lebensräume und Arten in den dortigen Naturschutzgebieten dar. Bereits geringe Versalzung gefährdet die Lebensgemeinschaften im Süßwasserwatt und Weideauwäldern.

Die erteilte Erlaubnis verstößt aus Sicht der Umweltorganisationen gegen europäisches und auch niedersächsisches Naturschutz- und Wasserrecht. „Die Rechtmäßigkeit der Sondergenehmigung werden wir deshalb auch gerichtlich überprüfen lassen“, so Vera Konermann, Ems-Expertin des BUND-Niedersachsen.

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