2020: „Neuartige“ (?) Schlauchalge Vaucheria velutina vemehrte sich üppig vor Sylt

Schlauchalgen vor Sylt, Sommer 2020 – Screenshot, Bildzitat, Cuxhavener Nachrichten, 31. Dez. 2020, https://www.cnv-medien.de/news/cuxhavener-watt-buergerinitiative-besorgt-wegen-eingeschleppter-alge.html – Foto: Roland, heruntergeladen am 09. Jan. 2021

Im Dezember 2020 machte eine alarmierende Medienmeldung die Runde: Die Schlauchalge Vaucheria velutina als „eingeschleppte Algenart, die dieses Jahr erstmals im norddeutschen Wattenmeer nachgewiesen wurde“, sei aufgrund ihrer „plötzlichen Dominanz“ mit „unabsehbaren ökologischen Folgen“ eine Gefahr für das Wattenmeer.

(Informationsdienst Wissenschaft – idw – Pressemitteilung Georg-August-Universität Göttingen).

Bezug genommen wurde auf Prof. em. Dr. Karsten Reise vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), der die vorgeblich „neuartige“ Alge im vergangenen Sommer vor der Insel Sylt entdeckte. Das AWI wird überwiegend finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zum geringeren Teil von den Bundesländern Bremen, Brandenburg und Schleswig-Holstein. Diese Algenart hatte sich im warmen Sommer 2020 rasant im Watt vor der Insel vermehrt. Prof. Reise vermutet, dass die Alge mit der Pazifischen Auster eingeschleppt wurde. Diese Austernart hat sich ebenfalls drastisch in den letzten Jahren im Wattenmeer ausgebreitet. Auf Sylt wird die Pazifische Auster nach dem weitgehenden Verschwinden der Europäischen Auster seit Jahrzehnten für den Verzehr gezüchtet und als „Sylter Royal“ vermarket. Aus den Kulturen gelangten die Austernlarven ins freie Watt und vermehrten sich hier üppig. Es wird vermutet, dass diese eingeschleppte Art die heimischen Bestände der Miesmuscheln verdrängt und gefährdet.

Die Sektion Phykologie der Deutschen Botanischen Gesellschaft e.V. wählte Vaucheria velutina  gar zur „Alge des Jahres 2021“.

Die Dramaturgie mit der angeblich neuen Algenart Vaucheria velutina geht noch weiter. Selbstverständlich darf „Klima“und der „schnell ansteigende Meeresspiegel“ (beides immer wieder gerne genommen) in der AWI-Verlautbarung nicht fehlen.  Nur steigt der Meeresspiegel überhaupt nicht „schnell“, eher weniger schnell mit ca. 1,7mm im Jahr oder 17cm Jahrhundert, wie die Forscher der Universität Siegen 2013 mit Hilfe von Pegelmesungen feststellten. Das sind weniger als die 26cm im Jahrhundert, mit dessen Wert die Küstenschützer bei der Bemessung der Deichhöhen arbeiten. Der sog. „säkulare Anstieg“ hat nichts mit dem gegenwärtigen zeitgeistigen Klimahype zu tun. Der Meeresspiegel der Nordsee steigt nach dem Ende der Weichselkaltzeit vor ca. 12.000 Jahren immer noch an. Damals lag der Meeresspiegel bis zu 120m tiefer als heute, der heutige Meeresgrund war besiedelt. Ohne den postglazialen Meeresspiegelanstieg gäbe es das heutige Wattenmeer gar nicht. Hat das AWI also neben dem wissenschaftlichen nun auch noch einen politischen Auftrag?

Und ob die Alge Vaucheria velutina wirklich „neuartig“ im Watt ist, darf ebenfalls bezweifelt werden, sie kommt weltweit auf gezeitenbeeinflussten Böden vor. In der Literatur wird ihr Vorkommen an der hiesigen Küste bereits 1824 erwähnt (Verbreitung und Ökologie der Vaucheria-Arten – Tribophyceae – des Elbe-Astuars und der angrenzenden Küste, in Helgoländer Meeresuntersuchungen 42, S. 613-636, 1988)

In der Tat seht diese örtlich begrenzte Algenblüte bedrohlich aus. Die Frage ist, ob die starke Eutrophierung das Wattenmeeres, auch aus dem Weser-Elbe-Ästuarien, im Zusammenhang mit dem sehr warmen Sommer 2020 (Wetter, nicht Klima) die Wachstumsexplosion der Algenart begünstigt hat und ob sich die Ausbreitung nach den Wintermonaten wieder verringern wird. Warten wir es ab…

Nachsatz: Algenblüten im Wattenmeer sind seit Jahrzehnten bekannt: Die Schaumalge Phaeocystis sp. kann im Frühsommer z.T. riesige Schaumteppiche bilden, wenn die Algen durch Wind und Wellen zu Eiweißschaum zerschlagen werden. Der Schaum ist zwar nicht giftig, riecht aber unangenehm und kann nicht flugfähigen Jungvögeln das Dunenkleid verkleben, sodass sie verenden. Die Alge Chrysochromulina sp. kann ebenfalls zu Algenblüten führen und setzt dann potenziell toxische Stoffe frei.

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