31. Mai 2010

Windenergie: Wiesenweihe von Rotor getötet

Zur Todesursache bitte edit vom 18.Juni 2010 beachten (ganz unten)

Zwei weitere Männchen verschwunden (edit 17. Juli 2010 am Ende ganz unten)


Wiesenweihen (Circus pygargus) gehören zu den bestandsbedrohten Vogelarten in Deutschland und sind daher streng geschützt. In Deutschland gibt es nur noch ca. 400 Brutpaare, ein Verbreitungsschwerpunkt liegt in Ostfriesland in den küstennahen Bereichen und auf den Inseln. In Ostfriesland schossen in den letzten Jahren auf Grund der Zwangsabgabe aus dem Erneuerbaren Energiengesetz für alle Stromkunden, mit der die Windkraftbetreiber üppige Subventionen einstecken, viele Wind“parks“ mit hunderten Anlagen in den vorher nicht industriealisierten Marschenbereichen in die Höhe, auch in EU-Vogelschutzgebieten. Anfangs waren die Windkraftanlagen 40 bis 50 m hoch, wurden dann durch ca. 70 m hohe Anlagen ersetzt. Die neue Generation der Anlagen ist bis zu fast 200 m hoch. Der Anlagenhersteller ist überwiegend die Firma Enercon im ostfriesischen Aurich.

Bekannt und gut dokumentiert ist der Scheucheffekt auch von Einzelanlagen auf Gänse und Watvögel, die hier an der Küste regelmäßig durchziehen. Systematische Untersuchungen von Anflugopfern liegen bisher für Ostfriesland nicht vor.

Der Schutz der Wiesenweihe kollidiert nun im wahrsten Sinne des Wortes mit den Windkraftanlagen: Auf der WebSeite „Wiesenweihen in Ostfriesland“ wird von einer tödlich verunglückten Wiesenweihe in einem Wind“park“ im Landkreis Aurich berichtet. Dieser Wind“park“ steht zwischen Norden und Emden  in der Krummhörn im westlichen Ostfriesland. Auf YouTube ist zudem eine Beinahe-Kollision einer Wiesenweihe im selben Windpark zu sehen.

Diese Beobachtungen und der Totfund sind aber Zufallsergebnisse. Wie viele Wiesen-, Korn- oder Rohrweihen kommen tatsächlich in jedem Jahr an Windkraftanlagen allein Ostfriesland ums Leben? Mit dem „Repowering“, dem Ersatz kleinerer WKA durch wesentlich größere und leistungsstärke Anlagen, wird sich das Problem für den Vogelschutz noch verschärfen, nicht nur für die Wiesenweihen. Es wäre also an der Zeit, dass sich die „anerkannten“ Naturschutzverbände deutlicher und wahrnehmbar gegen die weitere Industrialisierung der Küste mit riesigen Windkraftanlagen positionieren. Für den „Klimaschutz“ sind diese Anlagen völlig ungeeignet, weil sie auf Regelkraftwerke wie Gas- oder Kohlekraftwerke angewiesen und selbst vom Wetter, dem Wind, abhängig sind, das Wetter und in Folge das Klima also nicht verändern.

Bemerkenswert: Zu den Förderern der ehrenamtlichen Wiesenweihen-Schützer aus Ostfriesland gehören auch der BUND und der NABU. Von deren Landesverbänden hört man aber öffentlich nichts zu den Problemen mit der Industrielalisierung der Küstenlandschaft mit Windkraftwerken. Im Gegenteil: Der BUND wird Windkraftbetreibern in seiner neuen Ausstellung im Nationalparkhaus in Dornumersiel Gelegenheit zur Selbstdarstellung geben. Verschiedene Betreiberfirmen sind finanziell an der neuen Ausstellung beteiligt.

Noch 2007 ließen sich der NABU-Ostfriesland und die ehrenamtlichen Wiesenweihenschützer auch von EXXON sponsorn, darüber berichtete die taz.  EXXON brachte und bringt Probebohrungen für die Gasexploration in der Krummhörn nieder. Der NABU schwieg dazu. Das EXXON-Logo ist inzwischen von der der WebSeite www.wiesenweihen.com entfernt worden.

Bleibt zu hoffen, dass diese Wiesenweihe nicht vergeblich gestorben ist und die Gerichte wesentlich stringenter als bisher den gebotenen Vogelschutzaspekt bei der Genehmigung von Windkraftanlagen berücksichtigen.

Der Landkreis Aurich als Untere Naturschutzbehörde ist seit langem bemüht, Wiesenweihengebiete von Windkraftanlagen freizuhalten und hatte damit auch schon gerichtlichen Erfolg. Nun gäbe es die Möglichkeit, den Betrieb der Windkraftanlagen in Weihengebieten mit Auflagen zumindest in der Brutzeit und am Tage einzuschränken.

Ostfriesischer Kurier, Norden, S. 24, 21. August 2009

Richter sagen auch in Dornum Nein

Windkraft Verwaltungsgericht lehnt Klagen von Antragstellern ab – Begründung liegt noch nicht vor

Wie letzte Woche in Großheide stellten sich die Richter auf die Seite des Landkreises und der Gemeinde.

Dornum/FR – Wie vergangene Woche in Großheide konnten sich vorgestern auch in Dornum Antragsteller von Windkraftanlagen in einem Klageverfahren gegen den Landkreis Aurich vor der vierten Kammer des Verwaltungsgerichtes Oldenburg nicht durchsetzen. Das Gericht,

das unter dem Vorsitz von Richter Bernd Osterloh am Mittwoch fünf Stunden im Dornumer Rathaus tagte, lehnte alle Klagen ab. Die Richter zogen sich nach der Sitzung nach Oldenburg zur Beratung zurück, die Entscheidung fiel am Abend. Eine Urteilsbegründung lag bis gestern noch nicht vor, auch keine Aussage darüber, ob ein Berufungsverfahren vor dem  Oberverwaltungsgericht zugelassen wird.

Vogelschutz

Vor dem Verwaltungsgericht ging es im Kern – wie letzte Woche in Großheide – um eine Fläche (in der Karte gelb eingezeichnet), die in der jüngsten Fassung des Flächennutzungsplans der Gemeinde Dornum (31. Änderung vom 29. Dezember 2008) als „Erweiterungsfläche Weihen“ festgeschrieben ist. Das Areal schließt sich südlich des faktischen Vogelschutzgebietes (grün) an und sie hat nach Einschätzung des anerkannten Biologen Dr. Matthias Schreiber(er führte für die Erstellung des Flächennutzungsplans im Auftrag der Gemeinde die Vogelkartierung durch) eine ähnlich hohe ornithologische Wertigkeit wie das nördlich liegende faktische EU-Vogelschutzgebiet.

Neben Weihen (mittelgroße Greifvögel, die zumeist in Wiesen und Feldern nisten und Insekten und kleine Wirbeltiere jagen. Man unterscheidet Rohrweihe, Kornweihe und Wiesenweihe. Alle drei Arten sind stark bedroht) registrierte Schreiber auch weitere Vogelarten, die in der (gelben) Fläche beobachtet wurden. Wegen dieser aus Sicht des Gutachters großen ökologischen Bedeutung der Fläche und aus Landschaftsbildschutzgründen (Wöbse-Gutachten) hatte der Landkreis Aurich in der Vergangenheit die zur Verhandlung stehenden im Jahr 2002 eingereichten Bauvoranfragen unter anderem abgelehnt. […]

edit 18.Juni 2010: Am 16.Juni 2010 veröffentlichte der AK Wiesenweihenschutz auf seiner  WebSeite das Untersuchungsergebnis des Instituts für Zoo- und Wildtierforschung Berlin:

Aus Nase und Schnabel ausgetretenes Blut sowie blutige Lungen wiesen darauf hin, dass es wahrscheinlich an einem Barotrauma gestorben ist. Dieses wird durch den plötzlichen Luftdruckabfall in Rotornähe verursacht, in deren Folge die Lunge implodiert. D.h. der Vogel war nicht direkt in Kontakt mit der Mühle geraten.

Auf Grund der vergößerten Hoden des toten Tieres konnte eindeutig auf einen Brutvogel geschlossen werden.  Die Anlagen laufen nach wie vor; die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Aurich hat bisher nicht veranlasst, dass die Windkraftanlagen währen der Brutzeit abgeschaltet werden.

Im Bundesland Brandenburg laufen systematische Erfasssung über Vogelschlagopfer an Windkraftanlagen. Die Märkische Zeitung berichtete:

Märkische Allgemeine, Brandenburg, 14.Juni 2010
online

Besonders Greifvögel betroffen
Immer mehr tote Vögel durch Kollision mit Windrädern in Brandenburg

Potsdam – Jedes Jahr sterben in Brandenburg mehrere tausend Vögel
durch die Kollision mit Windkraftanlagen. Das seien nur
Hochrechnungen, weil nicht jeden Tag alle 3.000 Anlagen im Land
abgesucht werden könnten, sagte Torsten Langgemach, Leiter der
Staatlichen Vogelschutzwarte in Buckow bei Nennhausen (Havelland).

Betroffen seien besonders Greifvögel wie Mäusebussarde, Rotmilane und
Seeadler, aber auch Haustauben, Mauersegler, Feldlerchen und
Fledermäuse.[…]

edit 10. Juli 2010:

Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen, Juli 2010

Wiesenweihen verschwunden – Juli 2010

Das Drama der in einem Windpark im ostfriesischen Landkreis Aurich brütenden Wiesenweihen setzt sich fort. Die EGE hat über die Geschichte berichtet. Seit Ende Juni fehlt von den beiden Wiesenweihenmännchen jede Spur. Das Männchen eines dritten Brutpaares war bereits am 16. Mai 2010 an einer der Anlagen ums Leben gekommen. Seitdem hatte die Arbeitsgemeinschaft Wiesenweihenschutz in Ostfriesland zahlreiche gefährliche Annäherungen an die Anlagen dokumentiert. Die beiden Weibchen müssen jetzt je vier Jungvögel alleine versorgen. Normalerweise ist das Sache der Männchen.

Was mit den beiden Männchen geschehen ist, lässt sich leicht erahnen, schreibt die Arbeitsgemeinschaft auf ihrer Website. Dass tote Vögel in den Getreide- und Rapsfeldern außer von Beutegreifern nicht gefunden werden, ist nicht verwunderlich.

Ob die Jungen angesichts des Ausfalls flügge werden, ist fraglich. Auch günstigen Falls bleibt die Lage prekär. Die Jungen müssen danach alles lernen, was sie zu selbständigen Vögeln macht: Fliegen, Beute fangen und übergeben, bevor sie sich zu ihrer ersten Reise nach Afrika aufmachen. Und dies in einer Umgebung, die sich selbst für die erfahrenen Altvögel als todbringend herausgestellt hat.

Der zuständige Landkreis hat es bis heute nicht geschafft, ein zeitlich befristetes Abschalten der Anlagen durchzusetzen. In Niedersachsen brüten lediglich 100, im westlichen Ostfriesland nur 10 bis 15 Wiesenweihenpaare.

Die Rücksichtslosigkeit, mit der sich die Windenergiewirtschaft selbst in den Lebensräumen gefährdeter Vogelarten nach wie vor durchsetzt, ist nicht allein die Schuld von Politik und Verwaltung, sondern auch das Ergebnis einer geradezu naiven Haltung der großen Naturschutzverbände. Sie verharmlosen das Kollisionsrisiko der Vögel in demselben Maße wie sie den Einfluss von Windenergieanlagen für eine umweltfreundliche Stromversorgung überschätzen. Die Windenergie genießt dort einen Ruf, den sie nicht verdient.

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