10. November 2018

"Das Miteinander von Naturschutz und Tourismus"

Viel Wind und warme Luft: Strand auf Norderney – Foto (C): Eilert Voß

Und wieder eine aufgeblasene und endlose Pressemitteilung der Verwaltung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer, ohne viel Inhalt, wohlfeile Sprüche, copy and paste von der Lokalpresse gedruckt. Wieder eine „Kooperationsvereinbarung“ mit den Naturnutzern und -vermarktern dieses Großschutzgebietes, 32 Jahre nach Inkrafttreten des Nationalparks. Hier einige Kostproben des Geschwurbels:

„Nun bekommt das Miteinander von Naturschutz und Tourismus formal ein großes gemeinsames Dach: Göran Sell, Geschäftsführer der Ostfriesische Inseln GmbH, und Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung, unterzeichneten eine Kooperationsvereinbarung sowie ein erstes Arbeitsprogramm […] Eine intakte Natur des Wattenmeers ist von globaler Bedeutung. Damit bietet sie noch viele, bisher ungenutzte Potenziale für die Erschließung internationaler touristischer Märkte. […] Weltnaturerbe bedeutet internationale Verantwortung zum Schutz des außergewöhnlichen universellen Werts des Wattenmeeres. […] Einen großen Stellenwert im gemeinsamen Zukunftsprogramm besitzt das Thema Nachhaltigkeit. Dazu zählt z. B. die beabsichtigte Abschaffung von Plastiktüten auf den Inseln […]“

Um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben: Dem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer liegt das Nationalparkgesetz zugrunde, allein das verpflichtet.

§2 des Gesetzes über den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer (Auszug): „In dem Nationalpark soll die besondere Eigenart der Natur und Landschaft der Wattregion vor der niedersächsischen Küste einschließlich des charakteristischen Landschaftsbildes erhalten bleiben und vor Beeinträchtigungen geschützt werden. Die natürlichen Abläufe in diesen Lebensräumen sollen fortbestehen. Die biologische Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten im Gebiet des Nationalparks soll erhalten werden. […]“

Massentourismus vs. Naturschutz

Ob das mit dem realen Massentourismus in diesem Schutzgebiet vereinbar ist, bleibt fraglich. Vergleicht man die offiziellen touristischen Übernachtungszahlen der Industrie und Handelskammer Ostfriesland und Papenburg von 2017 mit den Aussagen in der Pressemitteilung, kann dieser Tourismus im Großschutzgebiet weder „nachhaltig“ noch in einer „intakten Natur“ stattfinden: Die Ostfriesischen Inseln zählten 2017 mehr als 10,7 Millionen Übernachtungen, in den ostfriesischen Küstenbadeorten waren es über 5,6 Millionen. Erfasst werden aber nur Häuser ab zehn Betten, dazu kommen die Tagestouristen, die zahlreichen „Schwarzbetten“ werden ebenfalls nicht erfasst. Das heißt z.B.: enormer Ansturm auf die Brut und Rastgebiete der Vögel des Nationalparks, Störungen von Seehunden oder Kegelrobben an ihren Wurf- und Liegeplätzen; das heißt auch freilaufende Hunde, Lenkdrachen, Geocacher oder Kitesurfer, das heißt ein starker Sportbootverkehr, auch mit hochmotorisierten Booten und nicht zuletzt die Jagd auch auf Zugvögel durch Insulaner. Die elf hauptamtlichen Nationalparkanger, die keine hoheitlichen Befugnisse besitzen, sind nicht annähernd in der Lage, diesen Massenansturm zu lenken oder flächendeckend auf 3.500 qkm Nationalparkfläche präsent zu sein.

Kein Naturschutz durch Tourismusmacher

Die Strandbrüter wie Zwergseeschwalben oder Sandregenpfeifer sterben längst „nachhaltig“ durch den Massentourismus durch die ständigen Störungen an den Stränden aus. Die zum zeitgeistigen Problem hochgeschriebenen Plastiktüten sind gar keins: Auch auf den Inseln wird der Müll getrennt und dann zum Festland verbracht, wo er entsorgt wird; asiatische Zustände gibt es hier nicht. Der Slogan „Jute statt Plastik“ zur Vermeidung von Plastiktüten ist bereits 40 Jahre alt. Ein ganz anderes Problem ist der enorme Plastikmüll im Meer, auch aus der Fischerei, der immer noch an die Inseln angespült wird.
Auch die Inselkommunen sind zur Einhaltung der Schutzvorschriften, die sich aus dem Nationalparkgesetz ergeben, verpflichtet. Dennoch werden auf einigen Inseln und in Küstenbadeorten auch Höhenfeuerwerke – sogar in der Brutzeit – oder lautstarke Musikveranstaltungen zur Touristenbespaßung durchgeführt, unmittelbar an der Grenze zum Nationalpark. Das „Miteinander von Naturschutz und Tourismus“ ist nicht nur eine Fiktion, es ist in diesen Dimensionen eine Unmöglichkeit.

Von den 15 „anerkannten“ Naturschutzverbänden in Niedersachsen kommt kaum noch etwas Kritisches zu diesem maroden Schutzgebiet, das sich seit 2009 werbewirksam „Weltnaturerbe“ nennen darf. BUND und NABU unterhalten in Kooperation und Abhängigkeit von und mit den Küsten- und Inselkommunen Nationalpark-Infohäuser und sind zudem von Fördergeldern abhängig. Die Nationalparkverwaltung unter der Leitung von Peter Südbeck entwickelte sich offensichtlich zu einer Tourismusagentur, mit dem Ziel, die Übernachtungszahlen in diesem Schutzgebiet noch weiter zu steigern.

Wattenrat-Links:

https://www.wattenrat.de/tag/vermarktung/

https://www.wattenrat.de/2018/09/12/abgefahren-ic-der-deutschen-bahn-getauft/

Pressemitteilung der Verwaltung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer vom  03.11.2018

Ostfriesische Inselfamilie wird Nationalpark-PartnerUnterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung zwischen der Ostfriesische Inseln GmbH und der Nationalparkverwaltung


Niedersächsisches Wattenmeer – Gemeinsame Vorhaben werden in Arbeitsprogramm verbindlich festgeschrieben Die Nationalparkverwaltung und die Ostfriesische Inseln GmbH
setzen sich gemeinsam für den Erhalt der einmaligen Naturlandschaft ein. Foto: Norbert Hecker / NationalparkverwaltungGemeinsame Presseinformation der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer und der Ostfriesische Inseln GmbH

Wilhelmshaven/Borkum. Seit vielen Jahren arbeitet die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer intensiv und konstruktiv mit verschiedenen Institutionen der ostfriesischen Inseln vor allem im Feld einer nachhaltigen Tourismusentwicklung im  UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer zusammen. Die Gemeinden Langeoog, Spiekeroog und Juist sind bereits Nationalpark-Partner, ebenso die Nordseebad Spiekeroog GmbH, die Nordseeheilbad Borkum GmbH und die Staatsbad Norderney GmbH. Nun bekommt das Miteinander von Naturschutz und Tourismus formal ein großes gemeinsames Dach: Göran Sell, Geschäftsführer der Ostfriesische Inseln GmbH, und Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung, unterzeichneten eine Kooperationsvereinbarung sowie ein erstes Arbeitsprogramm, das dann im Dreijahresrhythmus fortgeschrieben wird. Der Vergaberat der Partnerinitiative hat auf seiner Sitzung am 29.10. die Aufnahme der Ostfriesischen Inseln GmbH in das Partnernetzwerk beschlossen.Göran Sell: „Eine intakte Natur des Wattenmeers ist von globaler Bedeutung. Damit bietet sie noch viele, bisher ungenutzte Potenziale für die Erschließung internationaler touristischer Märkte. Lokal bildet sie zugleich das Fundament für die praktisch alleinige wirtschaftliche Lebensgrundlage der Ostfriesischen Inseln. Unser gemeinsames Ziel ist es, die Erlebbarkeit dieses weltweit einzigartigen Naturraums für Einheimische und Gäste weiter zu verbessern. Da unsere Natur auch künftigen Generationen von Insulanern Erwerbsmöglichkeiten bieten und Gästen nachhaltige Urlaubserlebnisse verschaffen soll, sind für uns auch gemeinsame Schutzbemühungen für das UNESCO-Weltnaturerbe selbstverständlich. Wir freuen uns daher sehr über das Zustandekommen der Kooperationsvereinbarung sowie die Aufnahme der Ostfriesische Inseln GmbH in das Partnernetzwerk.“„Weltnaturerbe bedeutet internationale Verantwortung zum Schutz des außergewöhnlichen universellen Werts des Wattenmeeres. Es bestehen große Chancen, im Sinne der trilateralen Strategie für nachhaltigen Tourismus Einheimische wie Gäste daran teilhaben zu lassen und gleichzeitig die regionalwirtschaftliche Perspektive zu stärken. Die nunmehr getroffene Vereinbarung setzt somit ein wichtiges Zeichen für diese gemeinsame Entwicklung und Verantwortung“ erklärt Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer.

Die Vereinbarung verfolgt Ziele und gemeinsame Aktivitäten unter anderem zu folgenden Fragen und Themen:

* Gemeinsames Auftreten für den Erhalt der biologischen Vielfalt
* Nachhaltige Qualitätsentwicklung im Tourismus in Übereinstimmung
mit den Schutzzielen des Nationalparks
* Förderung nachhaltiger Wirtschaftsweisen auf den Inseln auch, um
Teil der Entwicklungszone des   UNESCO- Biosphärenreservates werden zuk önnen
* Gemeinsamer Einsatz für Klimaschutz, mehr Schiffssicherheit und
gegen die Vermüllung der Nordsee
* Förderung der Bildung für nachhaltige Entwicklung bei Insulanern und Gästen

Konkret werden dazu in einem Arbeitsprogramm Maßnahmen formuliert, um die Informationsvermittlung und die Akzeptanz des Nationalparks gemeinsam zu stärken. So kooperieren die Inseln mit der Nationalparkverwaltung stärker bei der Unterhaltung und Entwicklung der bestehenden Nationalpark-Infrastruktur wie Nationalparkhäuser, Lehrpfade oder Infotafeln. Hierzu sollen gemeinsam getragene Projekte beispielhaft auf den Weg gebracht werden, ebenso wie gemeinsam innovative und nachhaltige naturtouristische Angebote entwickelt werden sollen. Zudem soll die Arbeit der Nationalpark-Ranger*innen und die Zertifizierung von Nationalpark-Führer*innen zukünftig gemeinsam gestärkt werden. Ferner unterstützen die Inseln die Nationalparkverwaltung bei Natur- und Artenschutzmaßnahmen z. B. zugunsten bedrohter Tierarten.

Einen großen Stellenwert im gemeinsamen Zukunftsprogramm besitzt das Thema Nachhaltigkeit. Dazu zählt z. B. die beabsichtigte Abschaffung von Plastiktüten auf den Inseln oder ein weitgehender Verzicht auf Einweggeschirr bei Veranstaltungen bis hin zu Nachhaltigkeitsaspekten bei der Produktion von Prospekten. All diese Aspekte sollen auf breiter Ebene gemeinsam getragen werden, von den Verwaltungen über Betriebe bis hin zu den Bürger*innen und Gästen. Deshalb ist auch der Ausbau des Partnernetzwerkes für den Nationalpark ein gemeinsames Anliegen der Kooperationspartner. Nicht zuletzt sehen sich die Ostfriesischen Inseln auch in der globalen Verantwortung und werden dementsprechend Energie- und Klimaschutzkonzepte erarbeiten und umsetzen.

Die Nationalparkverwaltung verpflichtet sich darüber hinaus zu umfangreichen Informations- und Fortbildungsangeboten, um die Beteiligten gut zu informieren und die Faszination am Lebensraum des Wattenmeeres zu teilen und zur Grundlage vieler zukünftiger Gemeinschaftsaktivitäten zu machen.Hintergrundinfo: Die Ostfriesische Inseln GmbH wurde im Dezember 2017 als Dachorganisation der Inselgruppe vor der niedersächsischen Küste gegründet. Ihr Anspruch ist es, die Stärken der Ostfriesischen Inseln nach außen zu tragen und sie als international führende Urlaubsregion zu etablieren. Gesellschafter der Ostfriesische Inseln GmbH sind die Tourismusorganisationen der Inseln Borkum, Juist, Norderney, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge sowie die Reedereien AG EMS, AG Norden-Frisia, Baltrum-Linie GmbH & Co. KG, Schifffahrt Langeoog, Schifffahrt Spiekeroog und Schifffahrt Wangerooge. Geschäftsführer der Ostfriesische Inseln GmbH ist Göran Sell, gleichzeitig auch Geschäftsführer der Nordseeheilbad Borkum GmbH. Den Vorsitz der Gesellschafterversammlung hat Wilhelm Loth, Geschäftsführer der Staatsbad Norderney GmbH.

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