40 Jahre Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: Ein „Schatz“ – oder nur politische Propaganda?

Fliegende Pinguine statt Strandbrüter- Strand auf Norderney – Foto- Eilert Voß/Wattenrat

Es soll gefeiert werden, Politiker und unkritische Medien werden wohl recherchefreie Erfolgsarien zum Jubiläum anstimmen, obwohl es eigentlich nichts zu feiern gibt: Vor vierzig Jahren, am 01. Januar 1986, trat die Verordnung zur Einrichtung der Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer in Kraft. Später wurde daraus ein Gesetz, immer wieder angepasst an die Forderungen z.B. der Tourismusindustrie. Wer die Wattenrat-Seiten aufmerksam gelesen hat, wird die Vielzahl der zugelassenen Nutzungen zur Kenntnis genommen haben: Massentourismus, Zulassung von Kitesurfern in den Zwischenzonen, Baggergutverklappungen, gewerbliche Fischerei mit Grundschleppnetzen und hohem Beifang, Vogeljagd auf den Ostfriesischen Inseln, örtlicher desolater Zustand der Salzwiesen vor den Deichen oder Windparks auf See und an Land, die das Großschutzgebiet umstellen, mitten in den Hauptrouten des ostatlantischen Vogelzuges. Ein Windpark wurde unter Beteiligung des Umweltverbandes BUND in der Außenweser direkt am Nationalpark errichtet: Nordergründe mit 18 Anlagen.

In den angrenzende Binnenlandbereichen sieht es für den Naturschutz ebenfalls desolat aus: Trockenlegung von ehemaligen Feuchtgebieten, Grünlandumbrüche, Massentierhaltung, hohe Nähstoffeinträge, Vernichtung von Bodenbrütern durch mehrfache Grünlandmahd und Druck der Landwirtschaft auf die Zugvogelrastgebiete, die sogar als europäische Vogelschutzgebiete ausgewiesen sind.

Wilkommen im Weltnaturbe, das vor allem ein gesetzlich geschützer Nationalpark ist, hier Norderney – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Bündnsi90/Die Grünen) läuft in der Pressemitteilung seines Hauses vom 01. Januar 2026 zur Hochform auf:

„[…] Zum 40-jährigen Jubiläum gratuliert Umweltminister Christian Meyer: ´Das Wattenmeer ist ein Schatz von internationaler Bedeutung, den es zu schützen und zu bewahren gilt. Mit dem Nationalpark schützen wir nicht nur seltene Tier- und Pflanzenarten, sondern erhalten auch eine einzigartige Naturlandschaft für Millionen Zugvögel. Als Anrainer dieser länderübergreifenden Weltnaturerbe-Stätte erfüllen wir in Niedersachsen unsere globale Verpflichtung zum Erhalt seiner ökologischen Unversehrtheit gegenüber der Weltgemeinschaft sowie zukünftiger Generationen.´Gleichzeitig stehe das Wattenmeer aber vor großen Herausforderungen, so der Umweltminister weiter: ´Die Folgen der Klimawandels, der steigende Meeresspiegel, das Verschwinden von Seegrasflächen, die Biodiversitätskrise, die Umweltverschmutzung etwa mit Plastikmüll, der steigende Schiffsverkehr gerade auch von Öl- und LNG-Gastankern aber auch die geplanten Gasförderungen am Rande des Nationalparks bedrohen eine einzigartige Natur. Hinzu kommt ein gestiegener Nutzungsdruck durch Schifffahrt, Infrastruktur, Trassen, Küstenschutz, Landschaftsverlust, Fischerei und Tourismus. Sie alle machen deutlich, wie wichtig ein starker Nationalpark gerade heute ist. Er ist ein Schutzschild für die Natur und ein Frühwarnsystem für ökologische Veränderungen.´[…]“

Kitesurfer auf Norderney, er vertreibt sogar die robusten Möwen – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Nein, Herr Minister, Ihre Pressemitteilung strotzt vor Widersprüchen: Das Wattenmeer soll ein „Schatz sein“, erwähnt wird aber der Nutzungsdruck auf das Schutzgebiet, der hausgemacht ist und immer noch weiter steigt. Die Zugvögel werden eben nicht geschützt, sie kollidieren z.B. auf See bei schlechtem Wetter mit den Offshore-Windkraftanlagen, das ist gut untersucht. Die Biodiversitätskrise ist menschengemacht, Stichwort u.a. Intensivlandwirtschaft, oder hier an der Küste der Massentourismus; dramatisch ist u.a. der Rückgang von Strandbrütern. Seehundwelpen (Heuler) werden von ihren Müttern durch unachtsame Touristen getrennt und landen, wenn sie Glück haben, in der Seehundaufzuchtstation in Norddeich.

Der Meeresspiegel der Nordsee steigt bereits seit ca. 12.000 Jahren nach dem Ende der Weichselkaltzeit mit derzeit undramatischen moderaten ca. 2mm im Jahr. Watten und Salzwiesen wachsen durch den Anstieg mit, ohne den nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstieg würde es das Watt in der heutigen Form mit den heute künstlich festgelegten Ostfriesischen Inseln zur Sicherung der Infrastruktur gar nicht geben.

Die letzten iher Art: Norderney, Sandstrand, Nähe Surfschule, 06. Juni 2019, brütender Sandregenfeifer mit  viel zu kleinräumiger Absperrung. Diese Art geht durch den Massentourismus im Nationalpark dramatisch zurück. – Foto  Eilert Voß/Wattenrat

Das Klima hat sich in den letzten 12.000 Jahren ebenfalls mehrfach geändert, von Warmzeiten zu Kaltzeiten und zurück. LNG-Tanker sind hausgemachte Probleme nach der Sprengung der Nordstream-Pipeline und dem Boykott russischen Gases. Zusätzliches Gas wird zunehmend als Grundlage für noch fehlende Gaskraftwerke benötigt. Sie müssen das Stromnetz stabil halten. Die unsteten Wind- und Solarstromeinspeisungen („Zappelstrom“), verursacht durch die ideologisch propagierte „Energiewende“, bringen das Stromnetz ans Limit, Stichworte 50 Hertz Netzfrequenz und Dunkelflauten.

Was also gibt es zu feiern? Ein „Schutzschild“ Nationalpark bei den vielen abträglichen Nutzungen? Oder Naturschutz nur auf dem Papier? Mit einem Schatz, Herr Minister, geht man ganz anders um!

Algenwachstum durch hohe Nährstoffeinträge – Foto: Eilert Voß/Wattenrat

Rückblick

2009 wurden die deutschen Wattenmeer-Nationalparke in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen mit dem Etikett „UNESCO-Weltnaturerbe“ geadelt. Motoren der Ausweisung waren der damalige FDP-Politiker Walter Hirche, zu der Zeit Präsident der deutschen UNESCO-Kommission und bis 2009 Wirtschaftsminister in Niedersachsen und Walter Theuerkauf (SPD), damals Landrat in Aurich. Mit diesem Etikett wurde der Nationalpark dann von der Tourismusindustrie vermarktet.

Walter Hirche (FDP), nach dem CDU/FDP-Regierungswechsel in Niedersachsen Wirtschaftsminister (bis Februar 2009), wurde 2003 auch Präsident der deutschen UNESCO-Kommission. Diese Akteure haben in ihrer Amts- und Arbeitszeit gezielt am touristischen Umbau des Nationalparks gearbeitet.

Strand von Borkum – Foto: privat

Jahre nach der Ausweisung des Nationalparks gab es erneut Widerstände gegen die Schutzbestimmungen, mit Drohungen des Austritts aus dem Nationalpark, vorgetragen von Inselpolitikern von Borkum, Wangerooge und Baltrum. Man fühlte sich durch den Nationalpark in der weiteren baulichen Entwicklung oder den Jagdeinschränkungen beeinträchtigt.

Das schrieb der Wattenrat am 12. Juni 2021:

Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer war bei seiner Gründung 1986 mit einem Verordnungstext auf ca. 2.400 qkm geschützt. 1999 wurde aus der Verordnung ein Gesetz. 2001 wurde das Nationalparkgesetz bereits auf Druck der Tourismusindustrie von der damaligen SPD-Landesregierung unter Ministerpräsident Sigmar Gabriel novelliert, mit einer Flächenerweiterung auf etwa 2.800 km². Es wurden aber ca. 90 botanisch oder avifaunistisch wertvollen Teilflächen in der Zonierung  (Schutzstatus) heruntergestuft oder aus dem Nationalpark entfernt, der touristischen Nutzung zugeführt und mit überwiegend konfliktfreien Wasserflächen vor den Inseln erweitert. Mitarbeiter des Wattenrates überbrachten im Dezember 2001 der EU-Kommission in Brüssel eine vierbändige Zusammenstellung der herabgestuften oder entnommenen Flächen und verbanden dies mit einer förmlichen EU-Beschwerde, die schließlich nach fünf Jahren Bearbeitungszeit der EU im Sande verlief.“

Schon am 24. Juni 2014 berichteten wir„Das UNESCO-„Weltnaturerbe Wattenmeer“ in Deutschland wird erweitert. Die Entscheidung fiel am 23. Juni 2014 durch das Welterbe-Komitee im Wüstenstaat Katar. Das Weltnaturerbe wird auch an die Grenzen des Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer mit den Wasserflächen vor den Ostfriesischen Inseln angepasst. Der Nationalpark wurde 2010 von 2800 Quadratkilometern auf ca. 3500 Quadratkilometer erweitert, es handelt sich aber überwiegend um große Wasserflächen vor den Ostfriesischen Inseln. Eine Erweiterung des Weltnaturerbes um die Wasserflächen des Nationalparks wird aber die Schutzinhalte des Nationalparks nicht ansatzweise verbessern. Die Nationalparkverwaltung hat z.B. nach der Ausweisung als Weltnaturerbe 2009 mehr als 20 Kitesurfflächen von Cuxhaven bis Emden mit rechtlich fragwürdigen „Befreiungen“ vom Nationalparkgesetz in den Zwischenzonen genehmigt; die Verwendung von Drachen ist in den Ruhe- und Zwischenzonen laut Nationalparkgesetz verboten. “

 

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