18. März 2011

25 Jahre Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: Bausteine für ein Qualitätsmanagement

Kein Grund zum Feiern: 25 Jahre Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer

Am 10. Februar 2011 veröffentlichten wir diesen Beitrag:

Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer: Qualität soll “unabhängig” überprüft werden, frisches MakeUp nach 25 Jahren

Anlass ist eine bundesweite Initiative zur Überprüfung der Managementqualität in Großschutzgebieten. Die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer nimmt daran freiwillig teil.  Dazu hatte ein Fachkomitee aus Vertretern von Land und Bund, von Universitäten und Naturschutzverbänden, aus Nationalparks sowie vom Dachverband der Nationalen Naturlandschaften (Europarc) den Nationalpark bereist. Wir hatten Zweifel daran geäußert, ob hier wirklich „unabhängig“ geprüft wird, zumal die Akteure z.T. direkt Abhängig von politischen Entscheidungsträgern wie dem Bundesumweltminister sind. Und von dort bekam der Naturschutz selten Gutes, sieht man von bedrucktem Papier ab.

Vom Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, Karl-Friedrich Sinner, der auch Stellvertreter bei Europarc ist, bekamen wir  mit Datum vom 03. März 2011 sogar einen bösen Brief.

„Allerdings betrachte ich die Ausführungen des Wattenrats auf seiner Homepage über die Arbeit des Komitees und seine Mitglieder als ausgesprochen unangemessen. Die dort zu findende Unterstellung, das Gutachten des Evaluierungskomitees werde „erwartungsgemäß“ zu einer reinen Schönfärberei und propagandistischen Öffentlichkeitsshow geraten, weise ich mit aller Entschiedenheit zurück.“,  schreibt uns u.a. Herr Sinner.

Es gab bereits vorher solche Qualitätsprüfungen, ohne dass man von Europarc irgendetwas Substanzielles zur  Verbesserung der Situation im Nationalpark Wattenmeer gehört hätte.

Auf der Europarc-Seite

http://www.nationale-naturlandschaften.de/dateien/Qualitaetskriterien_und_-standards_fuer_deutsche_Nationalparks.pdf

schreibt ausgerechnet der ehemalige Bundesumweltminister Gabriel mit hehren Worten das Vorwort zu Qualitätskriterien in Nationalparks, derselbe Gabriel, der als SPD-Ministerpräsident 2001 in Niedersachsen das Nationalparkgesetz novellieren ließ und fast 90 Gebiete aus dem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer zur touristischen Nutzung herausnahm oder in der Zonierung herabstufte.

Dagegen hatte der Wattenrat mit einer vierbändigen äußerst detaillierten Ausarbeitung Beschwerde bei der EU-Kommission eingelegt, die (wieder einmal) politisch tot gemacht und nach fünf Jahren eingestellt wurde. Natura-2000 blieb auch hier bedrucktes Papier.

Ist das bei Europarc nicht bemerkt worden? Welche Realitäten werden da eigentlich noch wahrgenommen? Dort sitzt jetzt ein Holger Wesemüller, den Wattenrat-Mitarbeiter ja auch noch zur Genüge aus der WWF-Zusammenarbeit kennen….

Wer Politschwätzern wie Sigmar Gabriel, der einem Eskimo einen Eiswürfel verkaufen könnte, als Schreiber engagiert, darf sich nicht wundern, wenn Zweifel an der Seriosität solcher Verfahren geäußert werden, die Herr Sinner dem Wattenrat aus der Ferne des Raumes und vom bayerischen Schreibtisch aus abspricht. Wir werden Herrn Sinner auch nicht mehr persönlich antworten, er wird diesen Beitrag sicher lesen.

Die Welterbe-Nummer zur Steigerung des Tourismus zur Anerkennung diese maroden Nationalparks unter Einbeziehung der IUCN mit wenigen ausgewählten potemkinschen Vorzeigeflächen ist ein weiterer Beweis, dass behördliche Naturschutzwahrnehmung und die Realität vor Ort zwei völlig verschiedene Dinge sind. Die engagierten Naturschutzzeiten eines Dr. Erz von der Bundesanstalt für Naturschutz oder eines Dr. Bibelriether vom Nationalpark Bayerischer Wald gibt es leider nicht mehr. Tempora mutantur….

Wir würden uns gerne angenehm überraschen lassen, wenn aus dem „Qualitätsmanagement“ wirklich etwas Besseres für den Naturschutz im Wattenmeer herauskäme als das, was wir heute täglich mit ansehen müssen. Warten wir es ab. Viele Defizite haben wir schon einmal aufgelistet. Der nachfolgende Text liegt dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) und Europarc vor, er möge nützen….

Statt einer „Nationalparkbilanz“ :

Vorschläge des Wattenrates Ost-Friesland für das Qualitätsmanagement im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer im 25 Jahr des Bestehens des Nationalpark vorgeschlagen vom Wattenrat Ost-Friesland

1) Konflikt Tourismusnutzung-Aufsicht:

Schaffung eines echten Rangersystems, wie bereits auf der Fachtagung des WWF „12. internationaler Wattenmeertag, Ranger in Schutzgebieten, Ehrenamt oder staatliche Aufgabe?“ 1992 in Wilhelmshaven ausführlichst diskutiert.

Status quo: ca. 37 Millionen Tourismusübernachtungen im oder am Nationalpark, Tendenz steigend, 6 hauptamtliche Dünenwärter des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserbau, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) auf 3.500 qkm Fläche, ohne Kompetenzen, Fahrzeuge oder Boote, de facto keine Aufsicht.

Ziel: Rangersystem mit der ausschließlichen Anbindung an die Nationalparkverwaltung zur Vermeidung von Kompetenzschwierigkeiten mit der Küstenschutzbehörde, 2 Ranger pro Insel, 2 Ranger pro Küstenbadeort, hoheitliche Aufgaben, Fahrzeuge Geländewagen, zusätzlich seeseitig/wattseitig analog der Niederlande drei Überwachungsschiffe

Link: http://www.wattenrat.de/aktuell/aktuell57.htm

Kostenübernahme z.T. durch Fremdenverkehrsabgabe pro Übernachtung z.B. 50 ct.

Damit wäre die Nationalparkverwaltung auch in der Fläche vertreten und die Tourismusindustrie als Verursacher verantwortlich in die Aufsicht und Betreuung mit eingebunden.

Direkt ablesbar sind diese Nutzungskonflikte am dramatischen Brutrückgang des Sand- und Seeregenpfeifers sowie der Zwergseeschwalbe als Strandbrüter im Nationalpark.

http://www.wattenrat.de/2010/07/sandregenpfeifer-nabu-und-nationalparkverwaltung-erfolgsmeldung-von-der-gelegefront/

http://www.wattenrat.de/2010/07/sandstrand-fur-vogel-sandregenpfeifer-am-leyhorn/

2) Nutzungsreduzierung oder -einstellung:

* Es werden oder wurden ständig neue Sportbootliegeplätze geschaffen, z.B. Juist mit dem Molenbau (der mit zur enormen Verschlickung des Hafens beiträgt) von ca. 50 auf 200 Liegeplätze. Durch „Befreiungen“ wurden Sportbootfahrern Liegeplätze zum Trockenfallen an Inselenden gestattet, z.B. Westspitze Juist.

* Zurücknahme der Öffnung von Zwischenzonen für Kitesurfer, das Nationalparkgesetz verbietet ausdrücklich die Verwendung von Drachen! Dies wirft ein Licht auf die mangelnde unzureichende fachliche Arbeit der NP-Verwaltung, die nur Spielball der Landespolitik ist (Umweltminister Sander, Referatsleiter Naturschutz Bernd-Karl Hoffmann).

http://www.wattenrat.de/2010/02/kitesurfer-im-wattenmeer/

* Reduzierung des Schlick- und Baggerguteintrages in das Wattenmeer, der Nationalpark ist völlig unakzeptabel eine Deponiefläche.

http://www.wattenrat.de/2010/04/baggergut-im-watt-juist-verschlammt/

* Keine Genehmigung für Golfplätze auf den Inseln. Genehmigungen wurden rechtswidrig erteilt,siehe Langeoog. Die Nationalparkverwaltung ist nicht eingeschritten.

http://www.wattenrat.de/aktuell/aktuell181.htm

http://www.wattenrat.de/aktuell/aktuell204.htm

* Das Salzwiesenmanagement ist völlig unzureichend. Es gibt zwar intakte Salzwiesen auf Spiekeroog oder in der Krummhörn im LK Aurich, aber das sind die Filetstücke, die offiziellen Besucher immer gerne gezeigt werden. Es überwiegt das Gammelfleisch.

Sehr viele Salzwiesen sind in den oberen Bereichen völlig verqueckt, Ursache ist die starke Entwässerung durch den NLWKN mit „Grüppen“ (Gräben), die in viel zu engem Abstand gezogen werden (i.d.R. 10 m). Eine echte extensive Beweidung (Prof. Heydemannsche Beweidungskriterien) mit Zurücknahme der Intensiventwässerung würde das Problem lösen.

Dagegen sprechen der starke Einfluss der Küstenschutzbehörde NLWKN und ständige fachliche Reibungsverluste mit der Nationalparkverwaltung.

http://www.wattenrat.de/2010/11/kustenschutz-kleientnahme-aus-geschutzten-salzwiesen/

http://www.wattenrat.de/aktuell/aktuell290.htm

* Zunehmend werden Höhenfeuerwerke im oder am Nationalpark abgebrannt, auch im Sommer. Diese Praxis verträgt sich nicht mit den Schutzzielen eines Nationalparks, sie führt zu erheblichen nächtlichen Scheucheffekten bei Rast- oder Brutvögeln.

Höhenfeuerwerke müsste sowohl direkt im Nationalpark, in vom Nationalpark umschlossenen Wohnbereichen oder in den Küstenbadeorten oder an den Deichen untersagt werden.

http://www.wattenrat.de/2011/01/silvester-nachlese-130-kg-bollermull-allein-am-strand-von-dornumersiel/

http://www.wattenrat.de/2010/12/auf-ein-neues-ohne-boller-und-raketen-im-nationalpark/

* Keine Windkraftanlagen auf den Inseln oder in unmittelbarer Nähe des Nationalparks:

Auf Borkum und Spiekeroog wurden WKA installiert, in unmittelbarer Nähe des Nationalparks (570 m) ist ein riesiger Nearshore-Windpark unter fragwürdigen Begleitumständen geplant worden (Nordergründe im Watt zwischen Wangerooge und Cuxhaven). Die Biosphärenreservatsgrenzen sollten auf eine Entfernung von mindestens zwei Kilometer Abstand von den Nationalparkgrenzen als Pufferzone ausgedehnt werden: Keine neuen WKA mehr in der Pufferzone, alte Anlagen bei Abgängigkeit nicht erneuern, Gründlandumbruch in der Pufferzone reduzieren.

http://www.wattenrat.de/2010/09/windpark-nordergrunde-im-wattenmeer-gericht-weist-klage-ab/

* Keine neuen Kabeltrassen für die Anbindung von Offshore-Wind“parks“ durch den Nationalpark: Kabeltrassen sollten nur durch die Mündungsgebiete der Ästuare verlegt werden (Ems, Weser). Die Verlegung von Kabeltrassen durch das Großschutzgebiet Nationalpark führte bereits zu erheblichen Schäden im Wattenmeer.

http://www.wattenrat.de/wind/wind104.htm

* Einstellung der Miesmuschelfischerei im Nationalpark, nur 4 oder 5 Fischereibetriebe pflügen zur Miesmuschelgewinnung das Wattenmeer mit erheblichen Sedimentschäden um. Die Wiederbesiedelung erfolgt nur sehr spärlich.

* Einstellung der Revierjagd in den Außendeichsbereichen

3) Nationalparkplan:

Ein Nationalparkplan mit der Definition von Entwicklungszielen liegt für den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer bis heute, 25 Jahre nach der Gründung des Nationalparks, nicht vor.

(Text: Manfred Knake)

Wer nur die heile Welt im Nationalpark sucht, sollte den Boulevard für den Konsumbürger lesen, wie den „Stern“ oder die Tourismusprosa irgendwelcher Mietschreiber. Hier ein Auszug aus den „Reportagen“ des  DuMont-Reiseverlag zum Weltnaturerbe Wattenmeer:

„Und nicht alle sind nach der Ernennung in grenzenlosen Jubel ausgebrochen. So moserte der Wattenrat, ein Zusammenschluss ostfriesischer Naturschützer, zum Titel passe es so gar nicht, dass vor Borkum riesige Off-Shore-Anlagen zur Nutzung der Windkraft gebaut würden. Auch die exzessive Freizeitnutzung an der Küste sei nicht eben preiswürdig. Zudem befürchtet der Wattenrat, dass der Tourismus durch den Welterbe-Status noch zunimmt. Doch auch hier gilt die uralte Weisheit, dass der Mensch vor allem für das Interesse hat, was er kennt und schätzt.“

Unser Seniormitglied Reiner Schopf war mehr als 30 Jahre lang auf der Nordseeinsel Memmert bei Juist als Vogelwart angestellt und als hauptamtlicher Ranger (einer von sechs) im Nationalpark tätig. Er ist weltweit weit gereist und kennt andere richtige Nationalparks. Schopf hielt viele Jahre lang naturschutzfachliche Vorträge vor Touristen auf der Nachbarinsel Juist und veröffentlichte in zahlreichen Publikationen. Er lebt heute im Ruhestand in Mecklenburg-Vorpommern. Er schickte uns seine Einschätzung zur „Qualität“ im Nationalpark. und wie man ihn „schätzt“.

Als Beispiel für die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im NP Niedersächsisches Wattenmeer verwies ich auf den Zone 1-Bereich im Westen von Juist und um die Vogelinsel Memmert. 2009 äußerte sich Peter  Südbeck der Leiter der Nationalparkverwaltung anlässlich eines Fernsehberichts über Memmert und die Kachelotplate wie folgt: „Wir sind froh, dass in diesem Gebiet der Schutz absolute Priorität hat.“

In der Realität sieht diese Priorität wie folgt aus: Die Westspitze von Juist wird in der Touristensaison täglich von zahlreichen Menschen aufgesucht. Oft wandern Hunderte von ihnen kilometerweit auf den vorgelagerten Sänden umher. Viele werden von frei laufenden Hunden begleitet, die nicht daran gehindert werden, rastende Vögel zu hetzen.

In der Nähe der Dünen (Rettungsbootschuppen) findet bei entsprechendem Wetter ein Freizeitbetrieb statt, der diesen Teil der Zone 1 zum Bade-, Spiel- und Freizeitareal umfunktioniert. Verschärft wird diese Situation durch einen im Jahre 2002 per fragwürdiger „Befreiung“ ausgewiesenen Anker- und Liegeplatz für Sportboote. Zwischen den ankernden od. bei Ebbe trocken liegenden Booten und den Dünen, sowie zwischen den Booten untereinander herrscht ein reges Kommen und Gehen. Auch da wird selbstverständlich gebadet und gespielt. Regelmäßig finden am Dünenfuß Grillparties statt. Wettfahrten mit Beibooten, Angeln und Hundeauslauf sind selbstverständlich. Die Störungen von rastenden oder Nahrung suchenden Vögeln gehen natürlich weit über das ausgewiesene Gebiet hinaus.

Auch der Wechsel von Vögeln zwischen Juist und dem gegenüber liegenden Memmertwatt – etwa von mausernden Eiderenten oder Junge führenden Brandenten – wird auf das Schwerste gestört. 16 Jahre, hatte die Nationalparkverwaltung Kenntnis von den immer stärker werdenden Störungen, die Reaktion bestand in der  Genehmigung der Anlegestelle für Sportboote und damit in der Legalisierung der Missstände. Eine Kontrolle erfolgt nicht, denn der Nationalpark-Wart von Juist hat keine Kompetenzen, um einzuschreiten. Der Wasserschutzpolizei fehlt es an Personal und Bootskapazitäten, außerdem verhindern die großen Entfernungen und die Tidenwasserstände ihre Präsenz. Memmert und die Kachelotplate sind aufgrund der zahlreichen wertbestimmenden Arten die hier leben zusätzlich als „Besonderes Vogelschutzgebiet“ ausgewiesen worden. Mehrere hundert Seehunde und Dutzende Kegelrobben haben auf der Kachelotplate Ruheplätze. Abgesehen davon, dass Sportbootkapitäne die Robbenplätze gerne als Ausflugsziel ansteuern, benutzen Motor-Segelflugzeuge die ausgedehnte Sandfläche für Tiefflugübungen in extrem geringer Höhe. Die Motorsegler sind auch der Grund dafür, dass die im Watt Nahrung suchenden Watvögel immer wieder flüchten und mit weiten Ausweichmanövern versuchen, den Flugzeugen auszuweichen.

Die Miesmuschelbänke in der näheren und weiteren Umgebung Memmerts sind inzwischen durch die Muschelfischerei zerstört worden. Die Folgen: Ein Eiderenten-Massensterben in den Jahren 1999 – 2002 infolge des Mangels an energiereicher Nahrung im Winter. (Die südliche Nordsee ist Überwinterungsgebiet der Ostsee-Wattenmeer-Population der Eiderenten). Nebenbei fangen die Fischer Meeräschen indem sie Netze zu Fuß und mit Beibooten durch die Priele schleppen. Stundenlang werden dabei riesige Gebiete beunruhigt. Durch die Mauser flugunfähige Eiderenten und Brandgansfamilien wurden bis zur völligen Erschöpfung umhergetrieben. Selbstverständlich werden in den Baljen dieses Gebiets auch Krabben gefischt. So sieht es also in einem Gebiet, in welchem der Schutz vorgeblich absolute Priorität hat, aus.

Mehr von und über ihn kann man hier nachlesen:

Die achte Insel (2006)

Das letzte Abenteuer in Deutschland (2005)

Menschenlos glücklich

Der Störenfried von Memmert (2003)


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