21. August 2019

Sturm in der Teetasse, Herr Wolf hat sich geärgert

Krimiautor Klaus-Peter Wolf, Foto: Ostfriesen Zeitung – 06. April 2019 – Screenshot-Bildzitat, heruntergeladen am 21. Aug. 2019: https://www.oz-online.de/-news/artikel/578238/Wirbel-ueber-Leserbrief-zu-Norder-Autor-Wolf

Leichen pflastern seinen Erfolgsweg: Klaus-Peter Wolf , seit 16 Jahren Wahlostfriese aus Gelsenkirchen, wohnhaft in Norden, ist ein auflagenstarker Krimi-Autor, der seine Protagonisten und die vielen Mordopfer an der ostfriesischen Küste angesiedelt hat. Einige seiner Kriminalromane liefen bereits als Fernsehfilme. Spötter fragen sich deshalb schon, ob man bei so viel gedruckten und verfilmten Wolf-Opfern in Ostfriesland überhaupt noch seines Lebens sicher sein kann, überall lauert der Tod. Touristen und Wolf-Afficionados wandeln inzwischen während ihres Urlaubs auf den Spuren der fiktiven Figuren und Tatorte seiner Romane. Die Hochburg des Massentourismus in Norden-Norddeich vermarktet sich durch Wolf inzwischen als „Krimiküste Norden-Norddeich“, da muss man erst drauf kommen.

Der Leserbrief

Nicht allen echten Ostfriesen gefällt es, wie Wolf den Landstrich am Wattenmeer in seinen Romanen todbringend verwurstet. So auch Gerdo Brauer, ehemaliges FDP-Ratsmitglied in Norden, der am 05. April 2019 u.a. folgendes in der Ostfriesen Zeitung in einem Leserbrief äußerte : „…was Herr Wolf tatsächlich geschafft hat, ist, integrationsunfähige NRWler nach Ostfriesland zu holen, die uns Ostfriesen als das betrachten, was dieser Mann ihnen vormacht: Mörder und Banditen“. Der Leserbrief endet so: „Früher hätte man solche Nestbeschmutzer bei Nebel ins Watt gejagt.“ Gemeint waren vor allem Touristen aus dem Bundesland Nordrhein-Westfalen, die hier an der Küste zuhauf Urlaub machen und die deshalb kritisch-belustig auch „Nordrhein-Vandalen“ wegen ihres nicht selten offensiv-burschikosen Auftretens genannt werden. Der Leserbrief ließ den Blätterwald rauschen und hatte Folgen: Nun erließ das Amtsgericht Norden einen Strafbefehl in Höhe von 1.500 Euro gegen Brauer nach einer Anzeige von Wolf, der sich durch Brauer verunglimpft fühlt.

Der Chefredakteur

Der Chefredakteur der Ostfriesen Zeitung entschuldigte sich bereits am 06. April öffentlich dafür, dass dieser folgenschwere Nebel-Watt-Satz nicht von der Redaktion gestrichen wurde. War das Kalkül? Noch mehr PR für den Regionalkrimischreiber, der von der Lokalpresse hofiert wird, weil er dazu beiträgt, die Tourismus-Vermarktungsindustrie zu unterstützen? Zitat: „Auch OZ-Chefredakteur Joachim Braun äußerte sich zu dem Leserbrief. Hier gelte die Meinungsfreiheit, ´ausgenommen der letzte Satz. Den hätten wir in der Tat streichen müssen. Das war ein Fehler, dafür entschuldige ich mich. Ansonsten wäre ein bisschen mehr Gelassenheit nicht das Schlechteste. Der Brief ist so absurd, dass ihn in Ostfriesland niemand ernst nimmt. Er wird das Gegenteil erreichen, von dem, was der Verfasser wollte´, so Braun. Der Autor zeigte sich nach den Reaktionen von OZ und FDP zufrieden.[…]“ Zitat Ende

Verbreitungshaftung?

Warum also druckte man überhaupt einen erklärtermaßen absurden Leserbrief ab?  Wie viele kritische Leserbriefe wurden nie in der OZ veröffentlicht? Warum also ausgerechnet dieser mit den möglicherweisen teuren Folgen für den Verfasser? Weil man gemeinsam mit dem Wolf auf der absehbaren Empörungswelle tanzen wollte? Oder war das, mit der anschließenden Entschuldigung des Chefredakteurs, nur Morskruperee pur? Die Bedeutung des Wortes kann man im Plattdeutsch-Hochdeutsch-Wörterbuch nachlesen. Hat man bei der OZ schon mal etwas von „Verbreitungshaftung“, gerade bei der Verletzung von Persönlichkeitsrechten, gehört – falls das für diesen Leserbrief überhaupt zutreffen und vor allem strafbar sein sollte? Bekommt der verantwortliche Redakteur nun auch einen Strafbefehl oder hat Herr Wolf einen Pressebonus, auch bei Gericht?

Freund, Feind, Parteifreund

Für den Leserbriefschreiber Gerdo Brauer hatte das auch noch eine andere Konsequenz: Die FDP-Ratsfraktion in Norden distanzierte sich sofort am 05. April 2019 auf Facebook ebenfalls von dem Leserbrief und pathologosierte Brauer.  Zitat:„In einem in der Ostfriesen-Zeitung am 05.04.2019 veröffentlichten Leserbrief äußert sich Herr Gerdo Brauer (Norden) in sehr ehrverletzter Weise gegenüber dem allseits beliebten und geschätzten Kriminalbuchautoren Klaus-Peter Wolf. Herr Brauer wählt sowohl in stilistischer als auch in inhaltlicher Form eine Darstellungsweise, die aus Sicht der Norder FDP völlig inakzeptabel ist. Leider wird die Norder FDP mit dieser hetzerischen Vorgehensweise in Verbindung gebracht. […] Nach kurzer Einarbeitungszeit stellte sich heraus, dass er weder psychisch noch physisch in der Lage war das Amt eines Ratsherrn auch nur annähernd ausüben zu können. Die FDP-Fraktion hat ihn daraufhin gebeten sein Amt niederzulegen. Dieser Bitte ist er gefolgt, seine Position in der Norder FDP-Stadtratfraktion wurde neu besetzt. Kurze Zeit später hat Brauer auch seinen Austritt aus der FDP erklärt. Aufgrund der Unkenntnis seines zweifelhaften Auftritts im Ortsverband Norden hat ihn der FDP-Kreisverband Wittmund, nachdem er dort eine Aufnahmeantrag gestellt hat, vor etwa einem halben Jahr wieder aufgenommen. Hier Austritt – dort wieder Eintritt zeigt die Schizophrenie des Herrn Brauer. […]“ Zitat Ende Ist das etwa nicht „ehrverletzend“?

Mit den Großen dieser Welt in Moskau

Wer mit literarischen Größen dieser Welt wie Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch oder Peter Ustinov, die Wolf gar als seine „Lehrer und Meister“ bezeichnet, in Moskau 1987 an einem Tisch an einem „Friedensforum“ teilnimmt – damals war Wolf noch Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) – sollte doch mit einem vergleichsweise provinziellen Leserbriefinhalt deutlich gelassener umgehen können. (Links: Facebook und hier)

Und dann noch Auschwitz

Und dann kam es noch ganz dicke, aufgrund des Leserbriefes von Gerdo Brauer schlug Wolf den Bogen von seiner persönlichen Betroffenheit über das Nestbeschmutzer-Zitat bis nach Auschwitz und überspannte ihn damit: Zitat aus Langeoog News, 21. Juni 2019„Klaus-Peter Wolf zur Meinungsfreiheit – Ich habe das an mir abtropfen lassen und nicht darauf reagiert. Offensichtlich war das ein Fehler, denn einige Wochen später veröffentlichte eben dieser Gerdo Brauer einen Leserbrief in dem von ´integrationsunfähigen NRWlern´ geredet wurde, die ich nach Ostfriesland hole. Der Brief endete mit dem Satz: ´Früher hätte man solche Nestbeschmutzer bei Nebel ins Watt gejagt.´ An der Küste weiß jeder, was damit gemeint ist. Bei Nebel kommt man nicht lebend aus dem Watt. [] ´Auschwitz hat nicht in Auschwitz begonnen, sondern überall dort, wo Menschen ausgegrenzt und gejagt werden´, sagt Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.“ Zitat Ende Geht´s vielleicht noch ein paar Nummern kleiner? Auch Selbstdarsteller sollten die Grenzen ihrer Bühne kennen.

Merke: Einen Krimiautor, der zwar Leichen en masse produziert, der sich in einer boomenden Fremdenverkehrsregion meisterhaft selbst inszeniert und der umsatz- und tourismusfördernd auch mit Hilfe der Lokalpresse vermarktet wird, kritisiert man nicht folgenlos, auch nicht mit einem vielleicht unbedachten, aber dennoch veröffentlichten Leserbrief. Da ist der Herr Mimose. Es bleibt abzuwarten, ob der politisch liberale Leserbriefschreiber Brauer den Rechtsweg wählen wird und so klären lässt, ob seine Äußerungen in seinem Leserbrief überhaupt strafbewehrt sein können oder ob die „freie Meinungsäußerung“ das noch zulässt.

Nachsatz: Die tatsächlichen leichenlosen Krimis von der Wattenküste lassen sich übrigens auf den Wattenrat-Seiten nachlesen, seit Jahren. Nur ist die Internet-Auflage, weil Nischenprodukt, weitaus geringer und überhaupt nicht einträglich, aber genauso nervenaufreibend wie ein fiktiver Krimi. Da ging und geht es z.B. um

  • die Verflechtungen im kommunalen Politik- und Verwaltungssumpf mit der lukrativen Ausweisung von Windparkflächen in der inzwischen landschaftlich verhunzten Region,
  •  eine illegal gebaute Umgehungsstraße in Bensersiel in einem Vogelschutzgebiet für fast 9 Millionen Euro,
  •  die rechtlich fragwürdigen Ausweisungen von Kitesurfflächen in Schutzzonen des Großschutzgebietes Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und „Weltnaturerbe“ für die Tourismuswirtschaft,
  • den Zustand des maroden Großschutzgebietes „Nationalpark“ mit  den vielfältigen zugelassenen Nutzungen, der als „Weltnaturerbe“ für den Massentourismus beworben und vermarktet wird,
  •  verbotene Gülleflut im Übermaß, sogar auf gefrorenen Böden,
  •  den großflächigen Verlust von Wiesenbrüterhabitaten, auch in EU-Vogelschutzgebieten, durch die Intensivlandwirtschaft,
  • die Auswüchse der Zugvogeljagd in EU-Vogelschutzgebieten, sogar mit echten gefiederten Leichen, die z.T. noch nicht einmal bejagt werden dürfen.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Leserbrief-Causa Wolf-Brauer wohl nur wie ein Sturm in der Teetasse, also: tiefer hängen!

In diesem Sinne, Manfred Knake

Manfred Knake ist der Autor dieses Kommentars – ebenfalls ein „Zugezogener“- seit mehr als vier Jahrzehnten gehört er zum „totrucken Volk“, wie der Ostfriese sagt.

Ostfriesen Zeitung, Norden, 20.08.2019
Strafbefehl gegen Leserbriefschreiber erlassen

Von Daniel Noglik
Das Amtsgericht Norden hat beschlossen, dass Gerdo Brauer wegen seines in der OZ erschienenen Leserbriefs gegen Krimi-Autor Klaus-Peter Wolf 1500 Euro Geldstrafe zahlen muss. Zu den Akten kann die Sache damit aber noch nicht. […]

Ostfriesen Zeitung, Norden, 06.08.2019
Professor sieht keine Beleidigung in Leserbrief

Von Daniel Noglik
„Früher hätte man solche Nestbeschmutzer bei Nebel ins Watt gejagt“ – das schrieb der Norder Gerdo Brauer in einem OZ-Leserbrief über den Autor Klaus-Peter Wolf. Ist das strafbar? Die Staatsanwaltschaft sagt: ja. Ein Strafrechtsprofessor sagt: nein. […]

Ostfriesen Zeitung, Norden, 06.04.2019 (diesmal nicht hinter der Bezahlschranke)
Wirbel über Leserbrief zu Norder Autor Wolf
Ärgerte sich über einen Leserbrief

von Nikola Nording
Kritik gehört für Menschen in der Öffentlichkeit zum Tagesgeschäft. Ein Leserbrief in der OZ hat nun aber den Norder Autor Klaus-Peter Wolf besonders geärgert – und mit ihm seine Fans. Hunderte kommentierten. [….]

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