15. März 2019

Biosphärenreservate an der Küste: noch ein UNESCO-Etikett?

Foto: Pixabay

Seit einiger Zeit bewirbt der Leiter des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer, Peter Südbeck, den Beitritt von Küstenkommunen zu einem UNESCO-Biosphärenreservat außerhalb des Nationalparks hinter den Deichen im Binnenland. Der Nationalpark wurde bereits mit den Etiketten „UNESCO-Biosphärenreservat“ und „UNESCO-Weltnaturerbe“ versehen. Biosphärenreservate sind von der UNESCO anerkannte großräumige und für bestimmte Landschaftstypen charakteristische Gebiete, die in wesentlichen Teilen ihres Gebiets die Voraussetzungen eines Naturschutzgebiets oder eines Landschaftsschutzgebiets erfüllen, in den der Mensch wirtschaftet, in denen Bildung betrieben und geforscht werden soll und – man lese und staune – beispielhaft der Entwicklung und Erprobung von die Naturgüter besonders schonenden Wirtschaftsweisen dienen. Die UNESCO nennt das „Modellregionen“- „Man and his Biosphere“ (MAB) – die man aber nicht, wie die europäischen Natura-2000-Gebiete, einführen muss, sondern kann. Mit diesem Etikett wäre dann der Küstenraum von Wilhelmshaven bis Emden beispielhaft geschützt, zumindest auf dem UNESCO-Papier.

Naturschutz-Schlusslicht Niedersachsen

Bei dem „Muss“ der Meldung und Umsetzung der Natura-2000-Gebiete, also Vogelschutz- und FFH-Gebieten, war Niedersachsen immer Schlusslicht in Deutschland gewesen, die EU hatte bereits mit Strafzahlungen gedroht. Alle Mitgliedsstaaten sind verpflichtet, die zahlen- und flächenmäßig geeignetsten Natura-2000-Gebiete nach Brüssel zu melden und diese dann in nationales Naturschutzrecht zu überführen. Diesen Verpflichtungen kam Niedersachsen nur sehr schleppend nach. Und auch in diesen Gebieten findet Naturschutz oft nur auf dem Papier statt, die EU-Kommission in Brüssel ist weit.

Naturschutz auf dem Papier: Blick in das europäische Vogelschutzgebiet V63 bei Bensersiel/Stadt Esens im LK Wittmund: illegal gebaute Umgehungsstraße, fragwürdige Genehmigungspraxis des Windparks Utgast/Gemeinde Holtgast – Foto (C): Manfred Knake

Etikettenschwindel

Beim tatsächlichen Zustand der Küstenlandschaft mit der abträglichen Intensivlandwirtschaft (auch in den Natura-2000-Gebieten!) und den vielen Windparks wäre ein Biosphärenreservat aber nur ein weiteres unpassendes UNESCO-Etikett, mit dem sich das Land Niedersachsen national und international zieren könnte. Das Paradebeispiel dieses Etikettenschwindels ist das von der Tourismuswirtschaft hochgelobte Etikett „Weltnaturerbe“ auf dem Nationalpark Wattenmeer für noch mehr Tourismus, der in Wirklichkeit ein riesiger Freizeitpark ist und in dem gerade einige streng geschützten Brutvogelarten aussterben. Der oft und gerne – und von den Medien stets ungeprüft übernommene – angeführte Vergleich mit dem Weltnaturerbe „Great Barrier Reef“ in Australien ist abwegig. Das Reef ist das eintausend mal größer als der niedersächsische Wattenmeer-Nationalpark (ca. die Größe der Bundesrepublik Deutschland) und verfügt über ein wesentlich besseres Schutzmanagement. Dennoch werden die hiesigen Zustände in den Medien nur wenig thematisiert oder schöngeschrieben. Fachlicher Naturschutz ist augenscheinlich ein Buch mit sieben Siegeln in nicht wenigen Redaktionen.

„Schonende Wirtschaftsweise“?

Die von der UNESCO geforderte „schonende Wirtschaftsweise“ in Biosphärenreservaten gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr an der ostfriesische-friesischen Nordseeküste. Hier wurden gezielt Moore und Feuchtgrünlandflächen trockengeleg, Hecken  beseitigt und kleinräumige Strukturen durch die Flurbereinigung vernichtet. Es wurde z.B. Platz geschaffen für große Raps- oder Maisflächen für die „erneuerbaren Energien“. Der Herbizid- und Pestizideinsatz ist enorm, nicht nur große Güllegespanne befahren die Flächen mehrfach im Jahr und gefährden durch ihre Fracht das Grundwasser. Bodenbrütende Vögel, viele Insekten- und Blütenpflanzenarten verschwanden so langsam und fast unbemerkt aus der Landschaft. Von Wilhelmshaven bis Emden durchzieht eine Kette von Windparks die Küstenlandschaft, die ehemalige Rastflächen für nordeuropäische und arktische Küstenvögel allein durch den Scheucheffekt der Anlagen entwertet haben. Nationalparkleiter Südbeck ist diplomierter Biologe, er weiß also um diese Zustände der Landschaft, die er jetzt den Kommunen als Biosphärenreservat mit einem falschen Etikett anzudienen versucht. Wo Biosphärenreservat draufstehen soll, ist längst Artensterben im großen Ausmaß drin. Nur die Europäische Union könnte mit einer drastischen Neugestaltung der Agrar- und Förderpolitik Änderungen herbeiführen, aber das kann, wenn es überhaupt geschehen sollte, noch lange dauern.

Ostfriesland heute, hier Gemeinde Moormerland – Foto (C): Eilert Voß

Kommunen sagen „Nein“

Für die Einrichtung eines Biosphärenreservats gibt es für die Kommune Fördergelder. Im Landkreis Friesland haben die Kommunalpolitiker aus Varel und Bockhorn jedoch bereits die Beitrittgespräche abgelehnt, ebenso in Butjadingen im Landkreis Wesermarsch, allerdings aus ganz anderen Gründen als denen des Naturschutzes. Man befürchtet durch ein Biosphärenreservat vor allem Einschränkungen für die Landwirtschaft, man sehe „keinen erkennbaren Nutzen“. Die Nationalparkverwaltung sagte aber zu, dass keine weiteren Einschränkungen geplant seien, genau wie 2009 bei der Einführung des „Weltnaturerbes“.

Wozu also ein Biosphärenreservat, wenn sich ohnehin nichts ändern wird, nur zum Abschöpfen der Fördermittel?

Blick in die Gemeinde Dornum – Biosphärenreservat? – Foto (C): Peter Gauditz

Aber Dornum sagt „Ja“

Dornumersiel im LK Aurich – Foto (C): Dennis Knake

Ausgerechnet aber die Gemeinde Dornum im Landkreis Aurich „bekennt“ sich in einem „Partnervertrag“ mit der Nationalparkverwaltung zu einem Biosphärenreservat. Zu Dornum gehört der Touristenort Dornumersiel im und am Nationalpark. Auch in Dornum wird Intensivlandwirtschaft betrieben. Zudem ist die Gemeinde Dornum mit weit mehr als einhundert Windkraftanlagen gespickt. Hier wurde ein z.B. der Windpark Georgshof in einem ehemaligen bedeutsamen Vogelrastgebiet errichtet. Ein Betreiber ist der ehemalige BUND-Bundesgeschäftsführer Onno Poppinga aus der Gemeinde.
Die Marschrichtung bestimmt derzeit das niedersächsische Umweltministerium, das schon an neuen Richtlinien für die UNESCO-Biosphärenreservate arbeitet. Es hat den Anschein, dass Nationalparkleiter Peter Südbeck im Auftrage des Landes Niedersachsen den Türöffner und Botenjungen für noch mehr Etikettennaturschutz an der Küste machen soll.

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